Alvar Aalto - Second Nature

Der Architekturkritiker Sigfried Giedion nannte ihn den »Magus des Nordens«: Alvar Aalto (1898-1976) ist der bekannteste finnische Gestalter seiner Generation und einer der wichtigsten Vertreter einer »humanen« Moderne in der Architektur. Seine Gebäude, wie etwa das Paimio Sanatorium (1933) oder die Villa Mairea (1939), verkörpern ein meisterhaftes Zusammenspiel organischer Räume, Formen und Materialien. Aaltos Paimio-Stuhl (1931--1932) und sein Hocker Stool 60 (1933) sind Meilensteine in der Entwicklung moderner Möbel, seine Savoy Vase (1936) ist bis heute das Symbol finnischen Designs.

Mit »Alvar Aalto - Second Nature« zeigt das Vitra Design Museum nun eine umfassende Retrospektive über den grossen finnischen Architekten und enthüllt neue Aspekte seines Werks.

Armin Linke 2014: Bibliothek in Viipuri (Vyborg)

Aaltos Affinität zur organischen Form führt die Ausstellung auf einen engen Dialog mit bedeutenden Künstlern seiner Zeit zurück, darunter László Moholy-Nagy, Jean Arp, Alexander Calder oder Fernand Léger. Arbeiten dieser und anderer Künstler werden den Werken Aaltos gegenübergestellt und unterstreichen dessen Bedeutung als Schlüsselfigur der modernen Avantgarde. Aalto wird als Kosmopolit mit starkem Interesse an Kunst, Theater und Medien porträtiert, er selbst bezeichnete sich als »chef d’orchestre«, der alle Kunstformen zu einem harmonierenden, symphonischen Ganzen verband. Auf diese Weise entstanden Lebensräume von warmer, organischer Qualität, geprägt von einer eindrucksvollen Kombination aus Volumen und Baumaterialien, terrassierten Fussböden und Decken und einer Choreographie aus natürlichem und künstlichem Licht: eine Architektur, die Inspirationen aus Kunst und natürlichen Formen in eine »zweite Natur« für den modernen Menschen verwandelte.

Tuberkulosesanatorium, Paimio, Finnland, Alvar Aalto, 1928–1933

Besonders eindrucksvoll erlebbar ist dieser Ansatz in Bauten wie der Bücherei in Vyborg (1927-1935), aber auch in Grossprojekten wie etwa dem Kulturzentrum Wolfsburg (1958-1962). Von Türklinken über Lichtelemente bis zu Einbaumöbeln entwarf Aalto oftmals auch die kleinsten Details für die von ihm gestalteten Innenräume. 1935 gründete er, gemeinsam mit seiner Frau Aino und zwei weiteren Mitstreitern, die Firma Artek. Diese war sowohl als internationaler Möbelproduzent als auch als Galerie gedacht. Schnell entfaltete sie -- in Aaltos eigenen Worten -- »mundiale Aktivitäten« und wurde zu einer angesehenen Adresse der internationalen Avantgarde.

Iittala Aalto Vase Savoy

Der Erfolg von Artek zeugte von Aaltos weltweitem Netzwerk, das ihm Einfluss in sozialen und politischen Debatten verschaffte und in der Nachkriegszeit zu Aufträgen in Ländern wie Italien, Frankreich, der Schweiz, Deutschland und den USA führte. In dieser Zeit entstanden so unterschiedliche Projekte wie ein System des standardisierten und vorgefertigten Wohnungsbaus in Finnland oder ein Wohnblock im Berliner Hansaviertel anlässlich der Internationalen Bauausstellung »Interbau« 1957. Höhepunkt des Spätwerks wiederum waren Grossprojekte wie die Finlandia Hall in Helsinki (1975), die nur ein Jahr vor seinem Tod vollendet wurde, und das Essener Opernhaus, welches posthum verwirklicht und 1988 eröffnet wurde.

Wohnzimmer Maison Louis Carré, Bazoches-sur-Guyonne, Frankreich, Alvar Aalto, 1956–1961

Insgesamt schuf Aalto zwischen den 1920er und 1970er Jahren über 400 Gebäude sowie dutzende Möbel, Glasobjekte und Leuchten. Die Ausstellung »Alvar Aalto - Second Nature« gibt einen umfassenden Überblick über Aaltos Leben und seine wichtigsten Projekte, lenkt den Blick aber auch auf weniger bekannte Projekte wie das Experimental House in Muuratsalo (1952-1953), dessen aussergewöhnliche Kombination verschiedenster Baumaterialien wie eine Architekturcollage des 21. Jahrhunderts anmutet. Unter den Exponaten sind historische Architekturmodelle, Originalzeichnungen, Möbel, Leuchten und Glasobjekte, aber auch Werke bekannter Künstler wie Alexander Calder, László Moholy-Nagy oder Jean Arp. Die aktuelle Perspektive der Ausstellung wird durch etliche Werke des Künstlers Armin Linke betont. Dieser hat eigens für die Ausstellung viele Bauten Aaltos fotografisch und filmisch neu dokumentiert. Die so entstandenen Werke ziehen sich durch die gesamte Ausstellung und stehen im Dialog mit historischem Material aus den Archiven des Alvar Aalto Museums und anderer internationaler Leihgeber.

Die Ausstellung »Alvar Aalto - Second Nature« ist vom 27.09.2014 bis 01.03.2015 im Vitra Design Museum, Weil am Rhein zu sehen und wird begleitet von einem umfangreichen Katalog mit 688 Seiten. Er umfasst Essays von zehn Autoren, darunter Eeva-Liisa Pelkonen, Akos Moravanszky, MoMA-Kurator Pedro Gadanho, Interviews mit Kenneth Frampton und Álvaro Siza, aber auch einen umfangreiches Exponatverzeichnis mit teilweise erstmals dokumentierten Originalzeichnungen und Abbildungen.

weitere Informationen:
Den Internetauftritt des Vitra Design Museums finden Sie hier.
Den Internetauftritt des Alvar Aalto MUSEO hier.


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Beitrag vom 25.09.2014, von Markus Abraham

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