Die Geschichte hinter dem Design: Der Paimio Chair von Alvar Aalto

Mit den Bugholzmöbeln aus Birke schrieb Alvar Aalto Designgeschichte. Dabei war Aalto nicht nur ein begabter Produktdesigner, sondern auch einer der wichtigsten Architekten der finnischen Moderne. Der Paimio Chair, den er für den gleichnamigen Gebäudekomplex entwarf, gilt als einer seiner bedeutendsten Entwürfe.

Paimio Chair weiß

Ein Stuhl wie eine Welle

Ohne Polster und mit einem Konstrukt aus Birkenfurnier wurde der Paimio Chair 1932 für die Gemeinschafts- und Ruheräume des gleichnamigen Sanatoriums entworfen. Als Sitzgelegenheit für Tuberkulosepatienten sollte der Sessel eine wohltuende Haltung ermöglichen, bei der die Lunge geschont und ein bewusstes Ein- und Ausatmen praktiziert werden sollte.

Artek - Icon Poster - Paimio

Dabei ist der Paimio Chair mehr als nur eine praktische Sitzgelegenheit. Mit seiner organischen Silhouette, die aus finnischem Birkenholz handgefertigt wird, ist Paimio mehr Skulptur als Sessel und ein wichtiger Teil finnischer Designgeschichte. Der Sessel zelebriert eindrucksvoll das perfekte Zusammenspiel von Architektur und Natur, von Abstraktion und Ergonomie. Die Besonderheit des

Sessels liegt nicht zuletzt in der Form von Sitzfläche und Rückenlehne, die aus einem Stück gefertigt werden. Die schlichte und ausdrucksvolle Linienführung der Sitzschale, die an eine Welle erinnert, ist dabei charakteristisch für Aaltos Entwürfe.

Architektur und Design: Das Paimio Sanatorium

Folgt man den Spuren des Paimio Chairs zurück zu seiner Geburtsstunde, stößt man auch auf die Entstehungsgeschichte der gleichnamigen Kureinrichtung, für die der Sessel ursprünglich entworfen wurde. Das Paimio Sanatorium ist einer, wenn nicht der wichtigste, architektonische Entwurf Aaltos. Markiert er schließlich um 1933 seinen internationalen Durchbruch als Architekt.

Alvar Aalto Paimio Sanatorium

Beeinflusst durch die Bewegung des Bauhauses und architektonischen Funktionalismus entwarf Alvar Aalto die Entwürfe für das Paimio Sanatorium, mit denen er 1929 – mit nur 31 Jahren – den Wettbewerb um die Gestaltung des Gebäudes gewann. Aalto, der zum Zeitpunkt der Designkommission selbst in medizinischer Behandlung war, bot – nicht zuletzt durch seine persönlichen Erfahrungen – einen besonders humanen und empathischen Ansatz in der Gestaltung des Gebäudekomplexes, für dessen Ausstattung er gleichermaßen verantwortlich war.

Artek Sessel 41 Paimio - Ambiente

Betritt man das Paimio Sanatorium heute, so wirkt der Bau auf den ersten Blick wenig beeindruckend. Weiße, hohe Fassaden und farbige Markisen begrüßen den Besucher, der sich mit Eintritt in das Gebäude auf eine Zeitreise in die 1930er Jahre begibt. Und spätestens hier – in der Eingangshalle – wird dem Betrachter die architektonische Relevanz des Gebäudes, das früher als Kureinrichtung für Tuberkulosekranke diente, bewusst. Strahlend gelbe Böden, farbige Säulen und schwungvolle Wände zieren das Foyer und weite Teile der Einrichtung. Wenige von zahlreichen gestalterischen Nova in der Moderne des 20. Jahrhunderts.

In den 70er Jahren wurde das Sanatorium in ein allgemeines Krankenhaus umgewandelt, heute fungiert es als Therapie- und Begegnungsstätte für Familien und Kinder. Im Zuge der ersten Umgestaltung wurde der überwiegende Teil der Einrichtung für wenig Geld veräußert oder entsorgt. So auch Dutzende der inzwischen als Sammlerstücke gehandelten Paimio Chairs, die heute noch – wenige Kilometer entfernt – in finnischer Handarbeit gefertigt werden.

Finnische Handarbeit – Fertigung des Paimio Chairs

Die Fertigung des Paimio Sessels basiert auf dem Patent für gebogene Sperrholzmöbel, das bereits 1842 von Michael Thonet angemeldet wurde. Demselben Prinzip folgend, experimentierte Alvar Aalto in den frühen 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit verschiedenen Formen und Methoden, bei denen dünne, verleimte Holzteile unter Hitze gebogen wurden.

Artek Factory Werkstatt
Damals und heute: Die Form des Untergestells wird durch das manuelle Biegen des Holzes in entsprechende Klemmen erreicht. Mehrere Stunden müssen zwischen dem Biegen und Einklemmen des Holzes verstreichen, um ein Brechen des Materials zu umgehen. Die Produktion eines Stuhles kann so bis zu 2 Tage in Anspruch nehmen.

Nicht zuletzt durch den engen Kontakt zu dem Bauhauslehrer Laszlo Moholy Nagy entwickelte Aalto so mehrere Stühle, die – inspiriert von Marcel Breuer und Michael Thonet – das Konzept des Freischwingens und Holzbiegens vereinten.

Sessel 401 von Alvar Aalto für Artek
Artek Sessel 41 Paimio, weiss
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Im Gegensatz zu den Stühlen und Stahlrohrmöbeln des Bauhauses steht bei Aalto jedoch die Behaglichkeit im Fokus. „Viele von diesen vernickelten und verchromten Stahlmöbeln erschienen uns psychologisch zu hart für ein Milieu kranker Menschen“, schreiben Alvar und Aino Aalto. „Deshalb fingen wir an, mit Holz zu arbeiten, um von diesem warmen und schmiegsamen Material ausgehend durch zweckmäßige Konstruktionen die Basis für einen Möbelstil für Kranke zu schaffen.“

1933 wurden die für das Sanatorium entworfenen Möbel auf einer Londoner Möbelausstellung der gehobenen Gesellschaft präsentiert. Dort schätze man, nicht nur den – für damalige Verhältnisse – geringen Preis der Möbel, auch das optisch und haptisch warme und weiche Design konnte überzeugen: „In der Erscheinung sind sie elegant, ihre fließenden Linien verleihen ihnen einen persönlichen, modernen Charakter. Da die Stühle gewachst und poliert sind, ist die vorzügliche Handwerkskunst zu sehen...“

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Basierend auf dem Erfolg der Möbelmesse und dem steigenden Interesse der Branche an den Möbeln Aaltos gingen die Entwürfe – die ursprünglich lediglich als Ausstattung verschiedener Gebäude geplant waren – in Serie. Als Teil des Artek Sortiments wird der Paimio Chair noch heute per Handarbeit in Finnland gefertigt.


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Beitrag vom 24.08.2018, von Anja Beckmann

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